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Als ich mit zarten zehn Jahren aufs Gymnasium kam, fand ich die Zwölftklässler allesamt wahnsinnig erwachsen und hatte den Eindruck, sie hätten alles total im Griff: Schule, ihre Zukunft, Freunde, Familie. Acht Jahre später war ich um mindestens eine Erkenntnis reicher: Nichts da. Ich hatte gefühlt genauso wenig einen Plan vom großen Ganzen wie mit elf. Gut, dachte ich mir, das kommt dann bestimmt im Studium. Da werde ich durch den Umzug in eine neue Stadt, einen eigenen Haushalt und das Leben in (fast) vollständiger Eigenregie früher oder später zwangsläufig erwachsen. 

Nochmal drei Jahre später und ich frage mich ernsthaft, wann dieses „Erwachsen werden“ denn jetzt eigentlich ansteht. Mit der Volljährigkeit ja offensichtlich nicht, auch wenn es so auf dem Personalausweis steht. Aus eigener Erfahrung auch nicht mit dem Schulabschluss oder im Studium. Vielleicht mit dem ersten festen Job? Wenn man Wein nicht mehr in Wassergläsern und Tassen serviert? Mit der ersten Wohnung mit Spülmaschine? Mit 30? Mit dem ersten Kind? Gar nicht?! 

Ich weiß zwar nicht, wann man denn wirklich erwachsen wird. Dafür habe ich immer weniger das Bedürfnis, endlich erwachsen sein zu wollen. Als Kinder wollten wir alle ganz schnell groß werden, ins Bett gehen, wann wir wollen, so viel fernsehen wie wir wollen, bis zum Platzen Eis und Schokolade essen und das sogar vor dem Abendessen. Irgendwann kamen dann aber immer mehr lästige Aufgaben dazu, die das Erwachsensein ziemlich schnell entzauberten: Wäsche waschen, einkaufen, Rechnungen bezahlen, freiwillig zum Zahnarzt gehen, Steuererklärungen.

 Während wir selbst noch versuchen, uns irgendwie zu koordinieren und unser Leben auf die Reihe zu bekommen, verloben sich die ersten Paare im Freundeskreis, kaufen Wohnungen und gehen jeden Tag im Anzug zur Arbeit. Ich fühle mich wieder genauso planlos wie mit elf. Nur dass ich mir jetzt denke, dass ich vielleicht doch schon erwachsen bin, bloß ohne es zu merken, und dass das vielleicht gar keine schlechte Sache ist. Und mir kommt ein Satz in den Kopf, den sonst nur Mitbürger jenseits des Rentenalters sagen: „Wo ist denn bloß die Zeit geblieben?“ — klarer Indikator, dass das Erwachsensein nicht weit seit kann. 

 

Ich wünsche euch eine schöne Woche, eure Vicky